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Der Fan
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„Wenn mir heite verloren hätten, i hätt sofurt mei Abo z’ruckgebn!“, krakeelt  es hinter meinem Rücken, als ich ein Pizzastück entgegennehme. Rapid hat nur ein Unentschieden erreicht und sich damit in ein Tief gespielt. Der Fan lässt seinem Unmut freien Lauf, ich suche Blickkontakt. „Oder ned?“, fragt er mich und lädt mich mit einer Handbewegung an seinen Stehtisch. Ich werde ihn weiterhin „Fan“ nennen. Seinen Namen kenne ich nicht. Während der halbstündigen Unterhaltung haben wir kaum Distanzen überwunden. Er hat mir nicht eine einzige Frage gestellt.

Ich wiederum weiß so vieles von ihm: sein Körpergewicht und die Gründe dafür, warum er zwanzig Kilo zu viel drauf hat,  die er seit Jahren nicht mehr los wird. Die Depressionen seien schuld, weil was solle er sonst machen außer essen und fernsehen. Auch heute wird er bis zwei Uhr früh diesen Beschäftigungen nachgehen, prophezeit er. Seine Ex-Frau in Thailand trage auch Schuld, die zweite übrigens. Sein Blick verliert sich immer öfter ins Leere, unwillkürlich schiebt sein Unterkiefer dabei nach vorne.

Er zeichnet Eisensteher und Abgründe, Gräben und Verkehrsschilder in den leeren Raum neben den Stehtisch: „Do hob i mitn Bus vorbei müssen. Des kaunnst ned auf Dauer!“. Der Alk hat ihm den Deckel gezwickt und ein Jahr Fahrverbot als Berufsbusfahrer eingebracht. Danach habe er mit psychischen Problemen zu kämpfen gehabt. Aber, so wetter er: wenn sie ihm „blöd kämen“, dann würde er sich wehren. „Jetzt bin i daham, Frühpension“. Er hat sich 1700 Euro statt den üblichen 1000 erstritten. Er fühlt sich im Recht.

Ich erfahre auch, dass er den Stromanbieter gewechselt hat. Jetzt sei alles viel billiger, er habe das System durchschaut. Darüber kläre er auch den alten Anbieter über die Hotline auf. Meist vergebens, „die legen gleich auf“.

Er sucht die Gründe für sein Unglück an der Oberfläche. Im Unbill der Welt, das auf seinem Rücken eine Party zu tanzen scheint. Wenn er davon erzählt, wirkt alles sehr nah, eine Distanz dazu fehlt ihm. Er redet gern darüber, ob er sich selbst zuhört, weiß ich nicht.

Nach einer Pause sinkt er in sich zusammen, zieht die Bierdose zu sich, blickt wieder ins Leere. Es fällt der Satz, der aus den tiefsten Tiefen seines Unglücks leise emporkriecht: „Und dann gwinnan die Rapidler wieder ned“. Manchmal ist es übermenschlich, was ein Fußballverein alles leisten soll.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion von Forza Rapid.

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